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2022-07-10 Sonntag Tag 36

Die Fahrt führte heute über 330 km endgültig aus Lappland raus, von Hossa nach Kajaani.
Irgendwie reicht es ja dann auch mal. Seit 4 Tagen befahre ich einen grünen Korridor. Links und rechts der Straße die grünen Wände, schlanke Kiefern und knorrige Birken, dazwischen mal ein See und eben die Kreuzungen. Darüber Wolken aller Art.
Die Bäume, wenn sie dann eine Chance haben auf dem moorigen Grund, haben im Stamm kaum mehr als 30 cm Durchmesser. Die Zweige nehmen nur einen geringen Teil des Lichts, so ist der Waldboden mit grünen Flechten bedeckt. Für uns ungewohnt, Nadelwald bedeutet immer auch unten dunkel und Grün am Boden lediglich an den Rändern des Waldes.
Im 19. Jahrhundert wurde Teer als wichtiger Baustoff auf den Werften der großen Segler benötigt. Rumpf und Decks der Holzschiffe wurden mit Teer abgedichtet. Größere Mengen bezog man aus den Kohlemeilern in den Wäldern. Die Betreiber brachten den mühsam hergestellten Stoff meist über Wasserwege an die Küste der Ostsee. Oulu, oben am bottnischen Meerbusen, wurde zu einem wichtigen Handelsplatz für das schwarze Gold. Zu Gold wurde es jedoch erst durch die Vermittler am Hafen. Die Hersteller hatten den Aufwand und den Transport und bekamen dafür einen sehr überschaubaren Lohn. Erwähne ich deshalb, weil hier in Kajaani, wo ich heute ankam, ein spezieller Kanal mit Schleuse gebaut wurde, damit der Transport des Teers leichter zu erledigen war.
Im 17. Jhr. lies Karl der IX eine Burg an diesem Ort errichten. Die Ruinen sind noch zu bestaunen. Bei der Pflege der Historie ist den Planern nichts Besseres eingefallen, als den Platz der Ruine für den Bau einer Straßenbrücke zu nutzen. Ist so sicherlich einmalig.
Leider war der in der Karte angezeigte Campingplatz aufgelöst, so bezog ich ein Zimmer in einem Motel.
Das heutige highlight war das unvermittelte Auftreten von 900 Tänzern auf freiem Feld.
Der Platz war über die Beschilderung an der Straße angekündigt, jedoch auf Finnisch, für mich dadurch nur ohne weitere Erkenntnis lesbar. Ein Fenster in der Wand des grünen Korridors tat sich auf, da standen diese Tänzer bunt leuchtend. Die Sonne stand so, dass die Köpfe mit einem Lichtkranz umgeben waren. Sehr mystisch, die Szene. So schnell ging das Anhalten nicht, ich wendete und kurvte in den Parkplatz mit einem netten Cafe hinein. Ich fragte nach einer Erklärung für die Figuren. Der Chef am Pfannkuchenofen erzählte mir bereitwillig die Story. Der in Finnland bekannte Tänzer und Choreograph „Rejo Kela“ wollte 1988 für ein Festival in Suomussalmi  mehrere hundert Tänzer engagieren. Es stellte sich heraus, dass dies zu teuer wäre. So nahm er Holz in die Hand, stellte mannshohe Kreuze auf, behängte diese mit schwarzen Tüchern und setzte als Kopf jeweils ein Torfstück inklusive dem Grasbewuchs obendrauf. Fertig war die Dancegroup. 6 Jahre später trat er damit auch in Helsinki auf. In der Folge fanden Auftritte in Deutschland und England statt.
Es wurde nach einem Platz für den Verbleib gesucht. Den gibt es also jetzt dort an der Straße zwischen Hossa und Suomussalmi.
Die Pflege der Figuren übernehmen Jugendliche aus der Umgebung und ersetzen die Kleidung der Figuren aus Teilen der eigenen Garderobe.
„Volk der Stille“ ist die offizielle Bezeichnung der Installation. Der Künstler überlässt es dem Betrachter, was er dort sieht. Auf mich hatte diese Lichtung, in Zusammenhang mit den stundenlangen Fahrten in der eintönigen Kulisse, grüne Wand, eine sehr intensive Wirkung.

„Volk der Stille“. Tag 36
„Volk der Stille“. Tag 36
„Volk der Stille“. Tag 36
Die Schleuse für den Teertransport in Kajaani. Tag 36
Karl dem IX seine Burg in Kajaani. Tag 36
Wenn Karl der IX das wüsste. Tag 36
Schmuckes Rathaus in Kajaani. Tag 36
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